Interview: Reden, schreiben, twittern…

Kürzlich hat mich der Kollege Marko Junghänel für den Newsletter vom ver.di-Bildungszentrum Haus Brannenburg interviewt. Ihm sind sehr interessante Fragen eingefallen. Das Gespräch, das sich daraus entwickelt hat, könnt ihr hier lesen:

Welchen Stellenwert misst du der Öffentlichkeitsarbeit des Gremiums bei – Regelaufgabe oder „nice to have“?

Die Interessenvertretung muss regelmäßig, verlässlich und vollständig informieren. Nur so kann sie das Informations-Monopol der Geschäftsführung brechen. Wissen ist eine Form von Macht, die der Arbeitgeber sonst ausschließlich für seine Zwecke einsetzt.

Informationen verändern den Blick auf die Situation und schaffen in diesem Sinne eine neue Wirklichkeit. Ich sage immer: Professionelle Öffentlichkeitsarbeit unterscheidet den starken vom bloß engagierten Betriebsrat. Erfolgreiche Gremienarbeit basiert zu 20 % auf Wissen, zu 20 % auf Entschlossenheit und zu 60 % auf Kommunikation.

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© Stephanie Hofschläger / pixelio.de

„Tue Gutes und rede darüber“war als Definition und Motivation für Öffentlichkeitsarbeit immer schon falsch – wie verortest du Öffentlichkeitsarbeit politisch und strategisch in der Arbeit des Gremiums?

Ich finde das gar nicht so falsch. Betriebs- und Personalräte arbeiten schwer und bewirken viel Gutes. Sie sollten ihre Erfolge auch darstellen. Manchmal sind es vielleicht nur kleine Verbesserungen, die den Arbeitsalltag leichter machen. Trotzdem muss darüber öffentlich gesprochen werden. Gemeinsame Erfolge verbessern auch den Zusammenhalt innerhalb des Gremiums.

Welche Werkzeuge der Öffentlichkeitsarbeit stehen heute zur Verfügung – wie sollen sie eingesetzt werden?

Neben dem persönlichen Gespräch und regelmäßigen Betriebsversammlungen steht den Interessenvertretungen eine ganze Palette an Medien zur Verfügung. Die Druckvorlagen für eine Betriebszeitung zum Beispiel kann man heute mit den Bordwerkzeugen eines Computers vom Discounter selbst erstellen. Außerdem bietet das Internet eine Vielzahl neuer Möglichkeiten: Blogs, Facebook, Twitter … All das kann und sollte ein Betriebs- oder Personalrat heute einsetzen. Am besten in einer sinnvollen Kombination, speziell zugeschnitten auf den eigenen Betrieb. Denn die wichtigste Kommunikation findet nach meiner Erfahrung immer noch im persönlichen Kontakt statt.

„Kann ich nicht“, „Ist viel zu aufwendig/teuer“, „Bringt nix“ könnten Argumente gegen die Öffentlichkeitsarbeit des Gremiums sein – wie kann man Ängste/Vorbehalte oder gar Abneigung diesem Thema gegenüber abbauen?

Wie gesagt: Das Erstellen und Bedienen von unterschiedlichen Medienkanälen ist im digitalen Zeitalter erstaunlich einfach geworden. Weil man so vieles selber machen kann, halten sich auch die Investitionen in sehr engen Grenzen. Im Übrigen fallen die Ausgaben für Öffentlichkeitsarbeit unter die Geschäftskosten des Gremiums. Die muss der Arbeitgeber laut Gesetz übernehmen. Der „Bringt-nix-Einwand“ ist im selben Moment entkräftet, wenn man es einmal probiert hat. Der Schub, den Interessenvertretungen durch professionelle Öffentlichkeitsarbeit erfahren, ist enorm und überzeugt nach meiner Erfahrung sehr schnell auch die Skeptiker im Gremium.

Wie gelingt die Erfolgskontrolle der Öffentlichkeitsarbeit?

Gerade in schwierigen Situationen braucht die Interessenvertretung das Mandat der Belegschaft, um erfolgreich handeln bzw. verhandeln zu können. Mitarbeiter/-innen unterstützen den Kurs von Betriebs- bzw. Personalrat, wenn sie alle Informationen für eine eigene Entscheidung haben. Das merkt man sehr schnell: an der Stimmung auf der Betriebsversammlung und im persönlichen Gespräch mit Kolleg/-innen. Gerade auch mit denen, die bis dahin eher Distanz zur Interessenvertretung gezeigt haben. Digitale Medien wie Blogs oder soziale Netzwerke verfügen außerdem über umfangreiche Statistik-Tools: So kann man das Interesse der Belegschaft in Zahlen messen. Die Kommentarfunktion eröffnet zusätzlich einen Kanal für inhaltliches Feedback. Man spürt also unmittelbar, ob man auf dem richtigen Dampfer ist.

Beispiele besonders innovativer Ideen der Öffentlichkeitsarbeit …

Was mir sehr gut gefallen hat, war die Aktion einer Betriebsrats-Liste vor den jüngsten Wahlen. Die Kolleg/-innen haben sogenannten QR-Codes (das sind diese kleinen Quadrate mit den vielen Punkten) im Betrieb ausgehängt. Wer die mit dem Smartphone fotografiert hat, bekam im Handy eine Art Wahlplakat angezeigt – mit Link zur kompletten Liste der Kandidat/-innen. Das kam insbesondere bei den gewerblichen Mitarbeiter/-innen super an. Einerseits hat es den natürlichen Spieltrieb herausgefordert, andererseits bewiesen: Diese Liste ist auch technisch auf der Höhe der Zeit. Ich habe mir das mal genauer angesehen: 11 Zeilen HTML-Code, die jede/-r abschreiben kann, waren das ganze Geheimnis …

Nächster Schritt: Wie macht sich das Gremium fit für die Öffentlichkeitsarbeit?

Ganz klar: Die Interessenvertretungen brauchen Fortbildungen. Einerseits um die Strategien erfolgreicher Öffentlichkeitsarbeit zu verstehen, andererseits um das praktische Handwerkszeug zu üben. Die üblichen Fachbücher helfen Betriebs- oder Personalräten in der Regel nicht weiter: zu viel Fachchinesisch, zu betriebswirtschaftlich orientiert, zu weit weg von der Praxis einer Interessenvertretung … Deshalb ist es unumgänglich, Schulungen zu besuchen, die speziell auf die Bedürfnisse und Voraussetzungen von Betriebs- und Personalräten zugeschnitten sind. Die Gewerkschaft ver.di und Bildungszentren wie das Haus Brannenburg bieten solche Schulungen regelmäßig an. Dort bin auch ich immer wieder als Referent vor Ort. Eine andere Möglichkeit ist, über ver.di Bildung + Beratung ein individuelles Coaching für die eigene Interessenvertretung zu buchen. Auch das muss der Arbeitgeber zahlen. Solche exakt auf die Bedürfnisse des jeweiligen Gremiums zugeschnittenen Praxis-Seminare betreue ich besonders gerne.

Das ver.di-Bildungszentrum Haus Brannenburg informiert regelmäßig über neue Angebote für Betriebs- und Personalrätemit einem Newsletter. Jeden Monat gibt es ein Themen-Spezial mit interessanten Neuigkeiten für Interessenvertretungen. Ihr könnt den Newsletter hier kostenlos abonnieren. (Das Newsletter-Angebot findet ihr rechts auf der Homepage: gelber Button mit der Aufschrift „Aktueller Newsletter“.)

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